von Göler / Johannes Grooterhorst / § 85

§ 85 Stiftungsverfassung

Die Verfassung einer Stiftung wird, soweit sie nicht auf Bundes- oder Landesgesetz beruht, durch das Stiftungsgeschäft bestimmt.

Für den Rechtsverkehr

(für Nichtjuristen)

zum Expertenteil (für Juristen)

Bedeutung für den Rechtsverkehr, häufige Anwendungsfälle

1Die Stiftungsverfassung ist die Gesamtheit aller Rechtsnormen, die die Organisation der selbständigen Stiftung des Privatrechts betrifft.v. Campenhausen, in: Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009), § 3 Rn. 12; Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 4 Sie ist die rechtliche Grundordnung einer Stiftung.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1; Dörner, in: Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 § 85 BGB normiert Rechtsquellen für die Stiftungsverfassung.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 1 Die Stiftungsverfassung im Sinne des § 85 BGB ergibt sich einmal aus dem Stiftungsgeschäft, sodann aus den vom Stifter im Stiftungsgeschäft getroffenen organisatorischen Anordnungen, insbesondere der SatzungEllenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 (Verfassung im engeren Sinne bzw. eigenes Verfassungsrecht),Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u. a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 1 die den nicht zwingenden Gesetzesbestimmungen vorgehen sowie ferner dem zwingenden oder dispositiven Bundes- und Landesrecht.vgl. Dörner, in: Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 Schließlich soll zur Stiftungsverfassung in diesem Sinne auch die gefestigte Rechtsprechung – Richterrecht – gehören.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 15; Neuhoff, in: Soergel, BGB, 13. Aufl. (2000), § 85 Rn. 2; Hof, in: Seifart/v. Campenhausen, Handbuch des Stiftungsrechts, 3. Aufl. (2009), § 6 Rn. 116; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 Bestandteil des Stiftungsgeschäfts und damit der Stiftungsverfassung ist die Stiftungssatzung (§ 81 Abs. 1 Satz 3 BGB) mit dem Mindestinhalt des § 81 Abs. 1 Satz 3 Nrn. 1 – 5 BGB. Sie bildet den „Mittelpunkt der Stiftungsverfassung“.Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 3

2Nach Reuter ist die wesentliche Aussage des § 85 BGB die, dass das Stiftungsgeschäft die Stiftungsorganisation und die materiellen Ziele der Stiftungstätigkeit (den Stiftungszweck) vorgeben muss,Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 1, § 25  Rn. 5, 10 also die notwendigen und identitätsbestimmenden Bestandteile der Stiftungsverfassung, die durch das Stiftungsgeschäft, und somit vom Stifter selbst, festzulegen sind, soweit diese nicht durch Bundes- oder Landesrecht geregelt sind (sog. Vorbehalt des Stiftungsgeschäfts).Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 2 

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Expertenhinweise

(für Juristen)

1) Allgemeines

3§ 85 BGB normiert Rechtsquellen für die Stiftungsverfassung.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 1 Die Stiftungsverfassung im Sinne des § 85 BGB ergibt sich einmal aus dem Stiftungsgeschäft, sodann aus den vom Stifter im Stiftungsgeschäft getroffenen organisatorischen Anordnungen, insbesondere der Satzung (Verfassung im engeren Sinne bzw. eigenes Verfassungsrecht),Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u. a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 1 die den nicht zwingenden Gesetzesbestimmungen vorgehen, sowie ferner dem zwingenden oder dispositiven Bundes- und Landesrecht.vgl. Dörner, in: Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 Schließlich soll zur Stiftungsverfassung in diesem Sinne auch die gefestigte Rechtsprechung – Richterrecht – gehören.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 15; Neuhoff, in: Soergel, BGB, 13. Aufl. (2000), § 85 Rn. 2; Hof, in: Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009), § 6 Rn. 116; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 

4Nach Reuter ist die wesentliche Aussage des § 85 BGB die, dass das Stiftungsgeschäft die Stiftungsorganisation und die materiellen Ziele der Stiftungstätigkeit (den Stiftungszweck) vorgeben muss,Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 1, § 25  Rn. 5, 10 also die notwendigen und identitätsbestimmenden Bestandteile der Stiftungsverfassung, die durch das Stiftungsgeschäft, und somit vom Stifter selbst, festzulegen sind, soweit diese nicht durch Bundes- oder Landesrecht geregelt sind (sog. Vorbehalt des Stiftungsgeschäfts).Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 2  Der Vorbehalt des Stiftungsgeschäfts begrenzt die Gestaltungsfreiheit des Stifters einerseits und den Regelungsspielraum der Länder andererseits; setzt aber auch voraus, dass der Stifter bei Errichtung der Stiftung alle erforderlichen Grundentscheidungen für die Verfassung der Stiftung trifft.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 5  

2) Definitionen

a) Die Stiftungsverfassung

5Die Stiftungsverfassung ist die Gesamtheit aller Rechtsnormen, die die Organisation der selbständigen Stiftung des Privatrechts betreffen.v. Campenhausen, in: Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009), § 3 Rn. 12; Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 4 Sie ist die rechtliche Grundordnung einer Stiftung.

3) Abgrenzungen, Kasuistik

7Fraglich ist, ob und wann den Destinatären ein einklagbarer Anspruch auf Stiftungsleistungen zusteht. Dies hängt von der Auslegung der Satzung oder im Fall des Zuwendungsvertrages vom Rechtsbindungswillen der Vertragsparteien ab.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4; BGH, Urteil vom 07.10.2009 – Xa ZR 8/08, NJW 2010, 234 Wenn die Satzung für den Kreis der Destinatäre objektive Kriterien festlegt und die Stiftung bei deren Vorliegen keine Wahlmöglichkeit hat, besteht ein Rechtsanspruch.Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 5 m. w. N.;  Schöpflin, in: Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013), § 85 Rn. 1; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4 Verbleibt der Stiftung ein Ermessen bei der Auswahl der Zuwendungsempfänger oder wird die Letztentscheidungskompetenz ausdrücklich einem bestimmten Stiftungsorgan zugewiesen, besteht dagegen kein Rechtsanspruch des Destinatärs auf Stiftungsleistungen.Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 5 m. w. N.; Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 85 Rn. 7; Schöpflin, in: Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013), § 85 Rn. 1; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4   
Wird die Zuwendung von Stiftungsleistungen zugesagt, genügt hierfür eine einseitige Erklärung des Bestimmungsberechtigten.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4 Die h.M. betrachtet Zuwendungen – die aufgrund einer einseitigen Erklärung des Bestimmungsberechtigten erfolgt sind – nicht als Schenkungen (§ 516 BGB), die der Form des § 518 BGB unterliegen würden.BGH, Urteil vom 16.01.1957 – IV ZR 221/56, NJW 1957, 708; BGH, Urteil vom 07.10.2009 – Xa ZR 8/08, NJW 2010, 234; Neuhoff, in: Soergel, BGB, 13. Aufl. (2000), § 85 Rn. 17; Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 39; Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 28; Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 6; a. A. Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 6; für eine analoge Anwendung des Schenkungsrechts Muscheler, WM 2003, 2213, 2216 Vertraglich begründete Zuwendungen sind ebenfalls keine Schenkungen, da ihr Rechtsgrund allein der Stiftungszweck ist.BGH, Urteil vom 07.10.2009 – Xa ZR 8/08, NJW 2010, 234; Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4; a. A. Muscheler NJW 2010, 341 

4) Zusammenfassung der Rechtsprechung

BGH, Urteil vom 16.01.1957 – IV ZR 221/56https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1957-01-16/IV-ZR-221_56, NJW 1957, 708
BGH, Urteil vom 09.02.1978 – III ZR 59/76https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1978-02-09/III-ZR-59_76, BGHZ 70, 313, 322 = NJW 1987, 2364
BGH, Urteil vom 22.01.1987 – III ZR 26/85https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1987-01-22/III-ZR-26_85, BGHZ 99, 344, 348 = NJW 1987, 2364
BGH, Urteil vom 14.10.1993 – III ZR 157/91https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1993-10-14/III-ZR-157_91, NJW 1994, 184
BGH, Urteil vom 07.10.2009 – Xa ZR 8/08http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&nr=49918&pos=0&anz=1, NJW 2010, 234
BAG, Urteil vom 07.08.1990 – 1 AZR 372/89http://connect.juris.de/jportal/portal/t/cti/page/jurisw.psml?doc.hl=1&doc.id=KARE365260703&documentnumber=1&numberofresults=1&showdoccase=1&doc.part=L&doc.price=7.0&paramfromHL=true#focuspoint  , NJW 1991, 514

5) Literaturstimmen

Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012)
Erman, BGB, 14. Aufl. (2014)
Heidel/Hüßtege u.a., BGB, 2. Aufl. (2011)
Henssler/Strohn, Gesellschaftsrecht, 2. Aufl. (2014)
Muscheler, WM 2003, 2213
Muscheler, NJW 2010, 341
Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014)
Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013)
Säcker/Rixecker, Münchner Kommentar, BGB, 6. Aufl. (2012)
Schiffer, Die Stiftung in der Beraterpraxis, 3. Aufl. (2013)
Schlüter/Stolte, Stiftungsrecht, 2. Aufl. (2013)
Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009)
Soergel, BGB, 13. Aufl. (2000)
Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011)
Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014)
Zimmermann/Arnsperger, NJW 2015, 290

6) Häufige Paragraphenketten

§§ 81, 85 BGB
§§ 81, 85, 133, 157 BGB
§§ 85, 87 BGB, § 256 ZPO

7) Prozessuales

8Um eine dem Stifterwillen auch dauerhaft gerecht werdende Satzung zu erstellen, ist es mit der Benennung der in § 81 BGB geregelten Mindestvoraussetzungen nicht getan. Das Stiftungsgeschäft als Entstehungserklärung muss die Satzung der Stiftung enthalten, sodass letztlich der Stifter bereits bei der Gründungserklärung alle Einzelheiten festzulegen hat.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 7 Gerade hinsichtlich der fakultativen, aber oftmals zweckmäßigen Satzungsinhalte ist eine fundierte Rechtsberatung in der Regel unumgänglich. Da die Organe den Stifterwillen so auszuführen haben, wie er im Stiftungsgeschäft und in der Stiftungssatzung zum Ausdruck kommt, und da auch die Gerichte den Stifterwillen durch Auslegung der Satzung ermitteln, muss dieser in der Stiftungssatzung eben auch sorgfältig zum Ausdruck gebracht werden. Der ungeschulte Laie kann dies in der Regel nur mit Hilfe fachlicher juristischer Unterstützung durch die (zuständige) Anerkennungsbehörde oder Rechtsberatung.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 7 

9Die Änderung der Stiftungssatzung und insbesondere des Stiftungszwecks unterliegt besonders hohen Anforderungen, zumal den Destinatären das Recht zustehen kann, die Unwirksamkeit der Satzungsänderung klageweise geltend zu machen.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 42; Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 34 ff. 

8) Anmerkungen

10Das Stiftungsrecht wird zunehmend Gegenstand anwaltlicher, insbesondere kautelarjuristischer (vertragsgestaltender) Tätigkeit. Kanzleien mit gesellschaftsrechtlicher und/oder steuerrechtlicher Ausrichtung, aber auch Banken bieten Beratungsleistungen für Stifter und Stiftungen an, wobei sich die Stifter der Komplexität der mit der Stiftungserrichtung verbundenen Fragestellungen des Zivil-, Steuer- und Verwaltungsrechts bewusst sein sollten.Schlüter/Stolte, in: Schlüter/Stolte, Stiftungsrecht, 2. Aufl. (2013), Kap. 1 Rn. 29 Die Stiftungsbehörden sind zur Beratung verpflichtet. Auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen hält ein umfangreiches Informations- und Beratungsangebot vor.http://www.stiftungen.org/de/service.html Schließlich existiert ein umfangreiches Angebot an Beratungsliteratur.


Fußnoten