von Göler (Hrsg.) / Johannes Grooterhorst / § 85

§ 85 Stiftungsverfassung

Die Verfassung einer Stiftung wird, soweit sie nicht auf Bundes- oder Landesgesetz beruht, durch das Stiftungsgeschäft bestimmt.

Für den Rechtsverkehr

(für Nichtjuristen)

zum Expertenteil (für Juristen)

Bedeutung für den Rechtsverkehr, häufige Anwendungsfälle

1Die Stiftungsverfassung ist die Gesamtheit aller Rechtsnormen, die die Organisation der selbständigen Stiftung des Privatrechts betrifft.v. Campenhausen, in: Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009), § 3 Rn. 12; Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 4 Sie ist die rechtliche Grundordnung einer Stiftung.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1; Dörner, in: Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 § 85 BGB normiert Rechtsquellen für die Stiftungsverfassung.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 1 Die Stiftungsverfassung im Sinne des § 85 BGB ergibt sich einmal aus dem Stiftungsgeschäft, sodann aus den vom Stifter im Stiftungsgeschäft getroffenen organisatorischen Anordnungen, insbesondere der SatzungEllenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 (Verfassung im engeren Sinne bzw. eigenes Verfassungsrecht),Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u. a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 1 die den nicht zwingenden Gesetzesbestimmungen vorgehen sowie ferner dem zwingenden oder dispositiven Bundes- und Landesrecht.vgl. Dörner, in: Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 Schließlich soll zur Stiftungsverfassung in diesem Sinne auch die gefestigte Rechtsprechung – Richterrecht – gehören.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 15; Neuhoff, in: Soergel, BGB, 13. Aufl. (2000), § 85 Rn. 2; Hof, in: Seifart/v. Campenhausen, Handbuch des Stiftungsrechts, 3. Aufl. (2009), § 6 Rn. 116; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 Bestandteil des Stiftungsgeschäfts und damit der Stiftungsverfassung ist die Stiftungssatzung (§ 81 Abs. 1 Satz 3 BGB) mit dem Mindestinhalt des § 81 Abs. 1 Satz 3 Nrn. 1 – 5 BGB. Sie bildet den „Mittelpunkt der Stiftungsverfassung“.Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 3

2Nach Reuter ist die wesentliche Aussage des § 85 BGB die, dass das Stiftungsgeschäft die Stiftungsorganisation und die materiellen Ziele der Stiftungstätigkeit (den Stiftungszweck) vorgeben muss,Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 1, § 25  Rn. 5, 10 also die notwendigen und identitätsbestimmenden Bestandteile der Stiftungsverfassung, die durch das Stiftungsgeschäft, und somit vom Stifter selbst, festzulegen sind, soweit diese nicht durch Bundes- oder Landesrecht geregelt sind (sog. Vorbehalt des Stiftungsgeschäfts).Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 2 

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Expertenhinweise

(für Juristen)

1) Allgemeines

3§ 85 BGB normiert Rechtsquellen für die Stiftungsverfassung.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 1 Die Stiftungsverfassung im Sinne des § 85 BGB ergibt sich einmal aus dem Stiftungsgeschäft, sodann aus den vom Stifter im Stiftungsgeschäft getroffenen organisatorischen Anordnungen, insbesondere der Satzung (Verfassung im engeren Sinne bzw. eigenes Verfassungsrecht),Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u. a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 1 die den nicht zwingenden Gesetzesbestimmungen vorgehen, sowie ferner dem zwingenden oder dispositiven Bundes- und Landesrecht.vgl. Dörner, in: Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 Schließlich soll zur Stiftungsverfassung in diesem Sinne auch die gefestigte Rechtsprechung – Richterrecht – gehören.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 15; Neuhoff, in: Soergel, BGB, 13. Aufl. (2000), § 85 Rn. 2; Hof, in: Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009), § 6 Rn. 116; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 

4Nach Reuter ist die wesentliche Aussage des § 85 BGB die, dass das Stiftungsgeschäft die Stiftungsorganisation und die materiellen Ziele der Stiftungstätigkeit (den Stiftungszweck) vorgeben muss,Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 1, § 25  Rn. 5, 10 also die notwendigen und identitätsbestimmenden Bestandteile der Stiftungsverfassung, die durch das Stiftungsgeschäft, und somit vom Stifter selbst, festzulegen sind, soweit diese nicht durch Bundes- oder Landesrecht geregelt sind (sog. Vorbehalt des Stiftungsgeschäfts).Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 2  Der Vorbehalt des Stiftungsgeschäfts begrenzt die Gestaltungsfreiheit des Stifters einerseits und den Regelungsspielraum der Länder andererseits; setzt aber auch voraus, dass der Stifter bei Errichtung der Stiftung alle erforderlichen Grundentscheidungen für die Verfassung der Stiftung trifft.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 5  

2) Definitionen

a) Die Stiftungsverfassung

5Die Stiftungsverfassung ist die Gesamtheit aller Rechtsnormen, die die Organisation der selbständigen Stiftung des Privatrechts betreffen.v. Campenhausen, in: Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009), § 3 Rn. 12; Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 4 Sie ist die rechtliche Grundordnung einer Stiftung.Dörner, in: Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1 Der Vorbehalt des Stiftungsgeschäfts setzt voraus, dass der Stifter bei Errichtung der Stiftung alle erforderlichen Grundentscheidungen für die Verfassung der Stiftung trifft.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 5 Bestandteil des Stiftungsgeschäfts und damit der Stiftungsverfassung ist die Stiftungssatzung (§ 81 Abs. 1 Satz 3 BGB) mit dem Mindestinhalt des § 81 Abs. 1 Satz 3 Nrn. 1 – 5 BGB. Sie bildet „das Kernstück“Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u. a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 2 bzw. den „Mittelpunkt der Stiftungsverfassung“.Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 3

b) Die obligatorischen Regelungen der Stiftungssatzung

6Die Stiftungssatzung muss Regelungen hinsichtlich des Mindestinhalts des § 81 Abs. 1 Satz 3 Nrn. 1 – 5 BGB enthalten (vgl. im Zusammenhang bei § 81 BGB). Obligatorisch sind danach Angaben zum Namen, Sitz, Zweck, Vermögen und Vorstand der Stiftung. Mit der Festlegung der in § 81 BGB geforderten Mindestinhalte sind jedoch insbesondere bei der unternehmensverbundenen Stiftung nicht alle Bestimmungen getroffen, die für den Bestand und die effektive Zweckverfolgung ausreichende Vorbedingungen sichern (vgl. in Zusammenhang bei § 81 BGB).Schlüter, in: Henssler/Strohn, Gesellschaftsrecht, 2. Aufl. (2014), § 85 Rn. 1

c) Die fakultativen Regelungen der Stiftungssatzung

7Die Gestaltungsfreiheit im Stiftungsrecht ist groß (Satzungsautonomie; vgl. auch bei § 81 BGB).Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege, BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 2; vgl. zur Satzungsgestaltung v. Campenhausen, in: Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009), § 8; Schiffer, in: Schiffer, Die Stiftung in der Beraterpraxis, 3. Aufl. (2013), § 5 Rn. 38 f. In der Praxis bedarf es nach Schiffer/Pruns relativ häufig einer Umgestaltung der Organisation der Stiftung, wenn sich die vom Stifter vorgesehene Organisation als nicht tragfähig erweist, etwa weil sich die Stiftung anders als erwartet nicht allein durch ehrenamtliche Kräfte führen lässt.Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u.a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 4 Dann ist eine Satzungsregelung sinnvoll, die einerseits die Anstellung von Mitarbeitern, z.B. eines Geschäftsführers als besonderem Vertreter (vgl. im Zusammenhang bei §§ 86, 30 BGB), regelt, und anderseits eine (angemessene) Vergütung der Tätigkeiten vorsieht (vgl. im Zusammenhang bei §§ 87, 27 BGB). Möglich und zweckmäßig sind auch Regelungen über den Kreis der Destinatäre. Zudem kann den Destinatären bereits in der Satzung ein Anspruch auf StiftungsleistungenSchöpflin, in: Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013), § 85 Rn. 3; Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 5 m. w. N. und/oder Verwaltungs- und Mitwirkungsrechte eingeräumt oder der Anspruch auf StiftungsleistungenBackert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 5 m. w. N. explizit ausgeschlossen werden – ein Rechtsanspruch auf Stiftungsleistungen besteht nicht –, was in aller Regel der Fall ist.vgl. zu den Voraussetzungen Hof, in: Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009), § 6 Rn. 170 Ob den Destinatären ein einklagbarer Anspruch auf Stiftungsleistungen zustehen kann, wenn ein solcher nicht explizit ausgeschlossen ist, ist eine Frage des Einzelfalls (dazu unten).

In neuerer Zeit sei insbesondere zu erwägen, Vorkehrungen in der Stiftungssatzung zu treffen, um auf erschwerte Rahmenbedingungen (Niedrigzinsphase etc.) oder nicht eintretende Erwartungen hinsichtlich der Vermögensentwicklung adäquat reagieren zu können, etwa durch die Zulassung einer Zu- oder Zusammenlegung der Sitftungen oder ihrer Umwandlung in eine Verbrauchsstiftung.Zimmermann/Arnsperger, NJW 2015, 290, 293

d) Die Änderung der Stiftungssatzung

8Zweckmäßig und üblichEllenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 3; BAG, Urteil vom 07.08.1990 – 1 AZR 372/89, NJW 1991, 514 sind auch Regelungen zur Satzungsänderung einschließlich der Festlegung des hierfür vorgesehenen Verfahrens insbesondere bei unternehmensverbundenen Stiftungen, um eine Anpassung an geänderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu ermöglichen,Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u. a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 3 wobei sich die Voraussetzungen im Übrigen aus den Stiftungsgesetzen der Länder ergeben können (z. B. §§ 5, 10 StiftG NRW; Art. 8 BayStG)Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 3; Dörner, in: Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014), § 85 Rn. 2 (vgl. im Zusammenhang bei § 87 BGB). Manche Landesstiftungsgesetze sehen die Zustimmung des Stifters zur Satzungsänderung bei Lebzeiten vor, erlauben Zustimmungsvorbehalte oder fordern die Anhörung des Stifters.Ablehnend zum landesrechtlichen Erfordernis der lebzeitigen Zustimmung des Stifters zur Satzungsänderung Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 32; Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 22 Eine Regelung zur Satzungsänderung könnte nach Schlüter/StolteSchlüter/Stolte, in: Schlüter/Stolte, Stiftungsrecht, 2. Aufl. 2013, Muster A. III. § 12, Seite 207 lauten:

„§ 12 Satzungsänderung

  1. Die Organe der Stiftung können Änderungen der Satzung beschließen, wenn sie den Stiftungszweck nicht berühren und die ursprüngliche Gestaltung der Stiftung nicht wesentlich verändern.
  2. Beschlüsse über Änderungen der Satzung können nur auf gemeinsamen Sitzungen von Vorstand und Kuratorium gefasst werden. Der Änderungsbeschluss bedarf einer Mehrheit von zwei Dritteln der Mitglieder des Vorstands und des Kuratoriums.
  3. Beschlüsse über Änderungen der Satzung bedürfen der Genehmigung (Anerkennung) der Stiftungsaufsichtsbehörde. Sie sind mit einer Stellungnahme der zuständigen Finanzbehörde anzuzeigen.“

Einer Genehmigung bzw. Anerkennung bedarf es nur, wenn dies landesrechtlich vorgesehen ist.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 3; Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 4; a. A. Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 85 Rn. 5 Dies ist allerdings mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen – hier genügt die Anzeige – in allen Ländern der Fall.Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 4 Auf ein Genehmigungserfordernis sollte in der Satzung klarstellend hingewiesen werden.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 85 Rn. 10 Es empfiehlt sich zudem, in der Stiftungssatzung Beispielsfälle zu benennen:

4. „Eine Änderung der Stiftungssatzung insbesondere zulässig ist, wenn   […].“Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u.a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 4 

9Die Satzungsänderung ist unwirksam, wenn sie die den Destinatären eingeräumten Verwaltungs- und Mitwirkungsrechte, die dem Willen des Stifters entsprechen, ausschließt.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 3 m. w. N. Im Zweifel stehen den Destinatären keine Verwaltungs- und Mitwirkungsrechte zu.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 3 m. w. N.; BGH, Urteil vom 22.01.1987 – III ZR 26/85, BGHZ 99, 344, 350 = NJW 1987, 2364 

10Ein Sonderfall der Satzungsänderung ist die Änderung des Stiftungszwecks.Schiffer/Pruns, in: Heidel/Hüßtege u. a., BGB, 2. Aufl. (2011), § 85 Rn. 5; vgl. auch Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 22 Der Stifter kann in der Satzung bestimmte Zweckbestimmungen als unabänderbar bezeichnen oder Zweckänderungen zulassen.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 15 Eine Musterformulierung findet sich bei Schlüter/Stolte:Schlüter/Stolte, in: Schlüter/Stolte, Stiftungsrecht, 2. Aufl. 2013, Muster A. III. § 13, Seite 207 

„§ 13 Zweckerweiterung, Zweckänderung, […]

  1. Die Organe der Stiftung können der Stiftung einen weiteren Zweck geben, der mit dem ursprünglichen Zweck verwandt ist und dessen dauernde und nachhaltige Verwirklichung ohne Gefährdung des ursprünglichen Zwecks gewährleistet erscheint, wenn das Vermögen oder der Ertrag der Stiftung nur teilweise für die Verwirklichung des Stiftungszwecks benötigt wird.
  2. Die Organe der Stiftung können die Änderung des Stiftungszwecks, […] beschließen, wenn der Stiftungszweck unmöglich wird oder sich die Verhältnisse derart ändern, dass die dauernde und nachhaltige Erfüllung des Stiftungszwecks nicht mehr sinnvoll erscheint (möglich ist). Die Beschlüsse dürfen die Steuerbegünstigung der Stiftung nicht beeinträchtigen. […]“

Regelmäßig werden in diesem Zusammenhang auch Regelungen zur Zusammenlegung von Stiftungen oder der Aufhebung der Stiftung getroffen (vgl. § 87 BGB und z.B. Art 8 BayStG). Eine solche Regelung könnte im Falle der Existenz eines Vorstandes und eines Kuratoriums (vgl. hierzu im Zusammenhang bei § 81 BGB) wie folgt lauten:

§ 14 Zweckänderung, Zusammenlegung und Aufhebung der Stiftung

  1. Die Änderung des Stiftungszwecks, die Zusammenlegung mit anderen Stiftungen oder die Aufhebung der Stiftung kann nur in einer Sitzung bei Anwesenheit sämtlicher Mitglieder des Kuratoriums von diesen einstimmig beschlossen werden. Solche Beschlüsse sind nur bei Vorliegen wesentlicher Änderungen der Verhältnisse zulässig.
  2. Eine Änderung wesentlicher Verhältnisse liegt insbesondere vor, wenn […].
  3. Beschlüsse über Satzungsänderungen, Zusammenlegung der Stiftung mit einer anderen Stiftung oder die Aufhebung der Stiftung bedürfen der Genehmigung bzw. Anerkennung der Aufsichtsbehörde. Die Genehmigung bzw. Anerkennung ist von einem vertretungsberechtigten Mitglied des Vorstandes bei der Aufsichtsbehörde zu beantragen.

Die Zuständigkeiten und erforderlichen Mehrheiten könnten ebenso bei den Regelungen über die Aufgaben der Organe und den Regelungen über die Beschlussfassungen der Organe abgebildet werden.

Von der bereits in der Satzung angelegten Satzungs- bzw. Zweckänderung ist die Satzungsänderung durch die Stiftungsaufsichtsbehörde gemäß § 87 BGB zu unterscheiden (vgl. im Zusammenhang bei § 87 BGB).

e) Die Auslegung der Stiftungssatzung

Die Auslegung der Stiftungssatzung richtet sich nach dem Willen des Stifters.BGH, Urteil vom 14.10.1993 – ZR III 157/91, NJW 1994, 184 Für die Auslegung gelten die §§ 133, 157 BGB.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 2 Insbesondere Satzungsänderungen müssen dem wirklichen oder mutmaßlichen Willen des Stifters entsprechen.BGH, Urteil vom 22.01.1987 – III ZR 26/85, BGHZ 99, 344, 348 = NJW 1987, 2364 Die Auslegung der Satzung ist im Gegensatz zum Inhalt des Stiftungsgeschäfts Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 3; BGH, Urteil vom 09.02.1978 – III ZR 59/76, BGHZ 70, 313, 322 = NJW 1987, 2364 gerichtlich voll überprüfbar.BGH, Urteil vom 14.10.1993 – ZR III 157/91, NJW 1994, 184; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 3; Schöpflin, in: Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013), § 85 Rn. 1 Der Stifter kann die Auslegung der Satzung – unter Ausschluss des Rechtsweges – einem Stiftungsorgan oder der Stiftungsaufsichtsbehörde übertragen.Schöpflin, in: Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013), § 85 Rn. 1   

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3) Abgrenzungen, Kasuistik

7Fraglich ist, ob und wann den Destinatären ein einklagbarer Anspruch auf Stiftungsleistungen zusteht. Dies hängt von der Auslegung der Satzung oder im Fall des Zuwendungsvertrages vom Rechtsbindungswillen der Vertragsparteien ab.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4; BGH, Urteil vom 07.10.2009 – Xa ZR 8/08, NJW 2010, 234 Wenn die Satzung für den Kreis der Destinatäre objektive Kriterien festlegt und die Stiftung bei deren Vorliegen keine Wahlmöglichkeit hat, besteht ein Rechtsanspruch.Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 5 m. w. N.;  Schöpflin, in: Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013), § 85 Rn. 1; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4 Verbleibt der Stiftung ein Ermessen bei der Auswahl der Zuwendungsempfänger oder wird die Letztentscheidungskompetenz ausdrücklich einem bestimmten Stiftungsorgan zugewiesen, besteht dagegen kein Rechtsanspruch des Destinatärs auf Stiftungsleistungen.Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 5 m. w. N.; Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 85 Rn. 7; Schöpflin, in: Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013), § 85 Rn. 1; Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4   
Wird die Zuwendung von Stiftungsleistungen zugesagt, genügt hierfür eine einseitige Erklärung des Bestimmungsberechtigten.Ellenberger, in: Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4 Die h.M. betrachtet Zuwendungen – die aufgrund einer einseitigen Erklärung des Bestimmungsberechtigten erfolgt sind – nicht als Schenkungen (§ 516 BGB), die der Form des § 518 BGB unterliegen würden.BGH, Urteil vom 16.01.1957 – IV ZR 221/56, NJW 1957, 708; BGH, Urteil vom 07.10.2009 – Xa ZR 8/08, NJW 2010, 234; Neuhoff, in: Soergel, BGB, 13. Aufl. (2000), § 85 Rn. 17; Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 39; Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 28; Backert, in: Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012), § 85 Rn. 6; a. A. Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 6; für eine analoge Anwendung des Schenkungsrechts Muscheler, WM 2003, 2213, 2216 Vertraglich begründete Zuwendungen sind ebenfalls keine Schenkungen, da ihr Rechtsgrund allein der Stiftungszweck ist.BGH, Urteil vom 07.10.2009 – Xa ZR 8/08, NJW 2010, 234; Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014), § 85 Rn. 4; a. A. Muscheler NJW 2010, 341 

4) Zusammenfassung der Rechtsprechung

BGH, Urteil vom 16.01.1957 – IV ZR 221/56https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1957-01-16/IV-ZR-221_56, NJW 1957, 708
BGH, Urteil vom 09.02.1978 – III ZR 59/76https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1978-02-09/III-ZR-59_76, BGHZ 70, 313, 322 = NJW 1987, 2364
BGH, Urteil vom 22.01.1987 – III ZR 26/85https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1987-01-22/III-ZR-26_85, BGHZ 99, 344, 348 = NJW 1987, 2364
BGH, Urteil vom 14.10.1993 – III ZR 157/91https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1993-10-14/III-ZR-157_91, NJW 1994, 184
BGH, Urteil vom 07.10.2009 – Xa ZR 8/08http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&nr=49918&pos=0&anz=1, NJW 2010, 234
BAG, Urteil vom 07.08.1990 – 1 AZR 372/89http://connect.juris.de/jportal/portal/t/cti/page/jurisw.psml?doc.hl=1&doc.id=KARE365260703&documentnumber=1&numberofresults=1&showdoccase=1&doc.part=L&doc.price=7.0&paramfromHL=true#focuspoint  , NJW 1991, 514

5) Literaturstimmen

Bamberger/Roth, BGB, 3. Aufl. (2012)
Erman, BGB, 14. Aufl. (2014)
Heidel/Hüßtege u.a., BGB, 2. Aufl. (2011)
Henssler/Strohn, Gesellschaftsrecht, 2. Aufl. (2014)
Muscheler, WM 2003, 2213
Muscheler, NJW 2010, 341
Palandt, BGB, 73. Aufl. (2014)
Prütting/Wegen/Weinreich, BGB, 8. Aufl. (2013)
Säcker/Rixecker, Münchner Kommentar, BGB, 6. Aufl. (2012)
Schiffer, Die Stiftung in der Beraterpraxis, 3. Aufl. (2013)
Schlüter/Stolte, Stiftungsrecht, 2. Aufl. (2013)
Seifart/v. Campenhausen, Stiftungsrechts-Handbuch, 3. Aufl. (2009)
Soergel, BGB, 13. Aufl. (2000)
Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011)
Schulze/Dörner u.a., BGB, 8. Aufl. (2014)
Zimmermann/Arnsperger, NJW 2015, 290

6) Häufige Paragraphenketten

§§ 81, 85 BGB
§§ 81, 85, 133, 157 BGB
§§ 85, 87 BGB, § 256 ZPO

7) Prozessuales

8Um eine dem Stifterwillen auch dauerhaft gerecht werdende Satzung zu erstellen, ist es mit der Benennung der in § 81 BGB geregelten Mindestvoraussetzungen nicht getan. Das Stiftungsgeschäft als Entstehungserklärung muss die Satzung der Stiftung enthalten, sodass letztlich der Stifter bereits bei der Gründungserklärung alle Einzelheiten festzulegen hat.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 7 Gerade hinsichtlich der fakultativen, aber oftmals zweckmäßigen Satzungsinhalte ist eine fundierte Rechtsberatung in der Regel unumgänglich. Da die Organe den Stifterwillen so auszuführen haben, wie er im Stiftungsgeschäft und in der Stiftungssatzung zum Ausdruck kommt, und da auch die Gerichte den Stifterwillen durch Auslegung der Satzung ermitteln, muss dieser in der Stiftungssatzung eben auch sorgfältig zum Ausdruck gebracht werden. Der ungeschulte Laie kann dies in der Regel nur mit Hilfe fachlicher juristischer Unterstützung durch die (zuständige) Anerkennungsbehörde oder Rechtsberatung.Werner, in: Erman, BGB, 14. Aufl. (2014), § 81 Rn. 7 

9Die Änderung der Stiftungssatzung und insbesondere des Stiftungszwecks unterliegt besonders hohen Anforderungen, zumal den Destinatären das Recht zustehen kann, die Unwirksamkeit der Satzungsänderung klageweise geltend zu machen.Hüttemann/Rawert, in: Staudinger, BGB, (Neubearbeitung 2011), § 85 Rn. 42; Reuter, in: MüKo, BGB, 6. Aufl. (2012), § 85 Rn. 34 ff. 

8) Anmerkungen

10Das Stiftungsrecht wird zunehmend Gegenstand anwaltlicher, insbesondere kautelarjuristischer (vertragsgestaltender) Tätigkeit. Kanzleien mit gesellschaftsrechtlicher und/oder steuerrechtlicher Ausrichtung, aber auch Banken bieten Beratungsleistungen für Stifter und Stiftungen an, wobei sich die Stifter der Komplexität der mit der Stiftungserrichtung verbundenen Fragestellungen des Zivil-, Steuer- und Verwaltungsrechts bewusst sein sollten.Schlüter/Stolte, in: Schlüter/Stolte, Stiftungsrecht, 2. Aufl. (2013), Kap. 1 Rn. 29 Die Stiftungsbehörden sind zur Beratung verpflichtet. Auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen hält ein umfangreiches Informations- und Beratungsangebot vor.http://www.stiftungen.org/de/service.html Schließlich existiert ein umfangreiches Angebot an Beratungsliteratur.


Fußnoten