von Göler (Hrsg.) / Steffen Köster / § 1968

§ 1968 Beerdigungskosten

Der Erbe trägt die Kosten der Beerdigung des Erblassers.

Inhaltsverzeichnis
Expertenhinweise für Juristen
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1) Allgemeines

Nach herrschender Meinung gibt § 1968 BGB zumindest den totenfürsorgeberechtigten Personen direkt einen schuldrechtlichen Anspruch auf Ersatz der verauslagten Kosten bzw. Befreiung von der eingegangenen Verbindlichkeit gegenüber dem Erben.

Die Frage, ob aus § 1968 BGB direkt auch für nicht totenfürsorgeberechtige Dritte ein Anspruch gegenüber den Erben folgt, ist umstritten. pro: Damrau/Gottwald, § 1968, Rn. 5; contra: Palandt/Edenhofer, § 1968, Rn. 2 

Der Streit kann jedoch in der Praxis dahinstehen, da auch bei letztgenannter Ansicht dennoch ein Ersatzanspruch des Dritten besteht. Dieser ergibt sich dann aus den Vorschriften über die Geschäftsführung ohne Auftrag gemäß §§ 683, 677 BGB.

2) Definitionen

Erbe

Das Gesetz enthält in § 1922 BGB eine Legaldefinition bezüglich der Erben. Erben sind die Personen, auf die mit dem Tod einer Person (Erbfall) deren Vermögen (Erbschaft) als Ganzes übergeht.   

Beerdigung

In der heutigen Gesetzesfassung wird lediglich von der „Beerdigung“ gesprochen. Bis zum 01.01.1999 fand sich noch der Begriff der „standesgemäßen Beerdigung“ im Normtext. Grund hierfür war Art. 33 Nr. 31 EGInsO.

Dennoch vertritt die herrschende Meinung die Auffassung, dass diese Änderung des Wortlauts lediglich zum Zwecke der Anpassung der Norm an andere Normen stattfand und keine Änderung des Anwendungsbereichs mit sich führen sollte. Die bis zum 01.01.1999 ergangene Rechtsprechung zur Auslegung des § 1968 BGB soll daher weiterhin herangezogen werden können. Bamberger/Roth/Lohmann,§ 1968, Rn.4; Staudinger/Marotzke, § 1968, Rn.2, MünchKomm/Siegmann, § 1968, Rn.4; Hinweisbeschluss OLG

3) Abgrenzungen, Kasuistik

Typischer Anwendungsfall der Norm ist der Regressanspruch desjenigen, der Beerdigungskosten verauslagt hat gegenüber dem oder den Erben.

Neben dem Ersatz der Beerdigungskosten besteht in Einzelfällen auch ein Kostenerstattungsanspruch hinsichtlich der dem Anspruchs- und Bestattungsberechtigten entstandenen Aufwendungen für die vorgerichtliche Inanspruchnahme anwaltlicher Hilfe bei der Abwendung der vom Erben außergerichtlich geltend gemachten Rückzahlungsansprüche. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn der Anspruchsverpflichtete nicht lediglich Auskunft über eventuelle Abbuchungen verlangt, sondern er erkennbar davon ausgeht, dass die Transaktionen nicht von der durch den Erblasser erteilten Vollmacht gedeckt sind, sondern nicht der Verwaltung des Vermögens des Erblassers zu dienen bestimmt waren. Hinweisbeschluss des OLG Koblenz vom 03.09.2021 – 12 U 752/21, BeckRS 2021, 32619

4) Zusammenfassung der Rechtsprechung
  • RGZ 100, 171, 173 (zu: Ort und Art der Beerdigung bei fehlender letztwilliger Verfügung)
  • KG, FamRZ 1969, 414 (zum Begriff der Totenfürsorge)
  • OLG Karlsruhe, Urt. V. 14.04.1988, Az.: 9 U 50/87;https://www.jurion.de/Urteile/OLG-Karlsruhe/1988-04-14/9-U-50_87 (zu: Berechtigung zur Totenfürsorge aus der über den Tod hinaus zu achtenden Menschenwürde)
  • BGH, Urteil vom 26.10.1977, Az: IV ZR 151/76, FamRZ 78, 15, 16; OLG Karlsruhe, Urt. v. 14.04.1988, 9 U 50/87, LG München, FamRZ 82, 849; OLG Schleswig vom 14.05.1986, Az: 4 U 202/85, NJW-RR 1987, 72 ; ; https://www.jurion.de/Urteile/OLG-Karlsruhe/1988-04-14/9-U-50_87?q=FamRZ+82%2C+849&sort=1 (zu: Ermittlung des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen bzgl. der Totenfürsorge)
  • OLG Schleswig, Urteil vom 14.05.1986, Az.: 4 U 202/85, NJW-RR 1987, 72
  • BGH, Urteil vom 26.02.1992, Az.: XII ZR 58/91, NJW-RR 1992, 834, https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1992-02-26/XII-ZR-58_91, AG Ansbach, 1 S 1054/11, Klagerücknahme vom 30.01.2012 (zu: Wille des Verstorbenen für Berechtigung zur Totenfürsorge maßgebend)
  • OLG Schleswig, NJW-RR 1987, 72; BGH, FamRZ 1987, 15; LG München I, FamRZ 1982, 849 (zu: Bestimmungsrecht des langjährigen Ehegatten geht dem Recht der Verwandten vor)
  • OLG Naumburg, Urteil vom 08.10.2015 - 1 U 72/15 (zum gewohnheitsrechtlichen Vorrang des Ehegatten bzgl. des Rechts zur Totenfürsorge)
  • Bundessozialgericht, Urteil vom 29.09.2009, B 8 SO 23/08 (zu: Kostentragungspflicht der Sozialbehörde, wenn der nächste Verwandte nicht zur Begleichung in der Lage ist)
  • BGH, Urteil vom 05.02.1962, Az: III ZR 173/60, NJW 1962, 791 (zu: Miterben als Gesamtschuldner)
  • OVG Niedersachsen, Beschluss v. 09.12.2002, Az.: 8 LA 158/02, NJW 2003, 1268; https://www.jurion.de/Urteile/OVG-Niedersachsen/2002-12-09/8-LA-158_02?q=OVG+Niedersachsen%2C+Beschluss+v.+09.12.2002%2C+Az.%3A+8+LA+158%2F02&sort=1 (zu: Pflicht zur Übernahme der Bestattungskosten trifft grds. die Angehörigen)
  • BGH, Urteil vom 26.02.1992, Az.: XII ZR 58/91, NJW-RR 1992, 834 = FamRZ 1992, 657 = MDR 1992, 588 = ZfJ 1993, 101; https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1992-02-26/XII-ZR-58_91 (zu: die nächsten Angehörigen haben das Recht zur Totenfürsorge)
  • OLG Schleswig, Urteil vom 14.05.1986, 4 U 202/85, NJW-RR 1987, 72 (zu: der Ehegatte ist grundsätzlich der nächste Verwandte bzgl. der Totenfürsorge)
  • BGH, Urteil vom 14.12.2011, IV ZR 132/11, NJW 2012, 1651 = MDR 2012, 352 = DNotZ 2012, 543 = WM 2012, 2013, https://openjur.de/u/338845.html, http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&sid=e80f14f10ce24cce008814f02137055b&nr=59389&pos=0&anz=1 (zu: Anspruch auf Ersatz der Bestattungskosten aufgrund Geschäftsführung ohne Auftrag  gegen den Totenfürsorgeberechtigten)
  • OLG Saarbrücken, Urteil vom 15.07.2009, Az: 5 U 472/08-72, MDR 2009, 1341 = OLGR Saarbrücken 2009, 954; OLG Düsseldorf, NJW-RR 1995, 1161 = ZEV 1994, 372; OLG Hamm, Urteil vom 06.07.1993, Az: 27 U 63/93, NJW-RR 1994, 155; OLG Karlsruhe, MDR 1970, 48, https://www.jurion.de/Urteile/OLG-Saarbruecken/2009-07-15/5-U-472_08-72 (zu: Angemessenheit des Umfangs der Beerdigungskosten und damit zum Umfang der Erstattungspflicht der Erben)
  • BGH FamRZ 1978, 15; OLG München, Urteil vom 28.09.1973, Az: 19 U 1932/73, NJW 1974, 703; OLG Düsseldorf, Urteil vom 23.06.1994, Az: 18 U 10/94, NJW-RR 1995, 1161; AG Grimma NJW-RR 1997, 1027; OLG Karlsruhe vom 13.08.1969, 7 U 2/69, MDR 1970, 48, 49; OLG Hamm DAR 1956, 217; BGHZ 61, 238, 239; BGHZ 32,72; BGH FamRZ 1973, 2103; OLG Karlsruhe VersR 1956, 542; OLG Celle RdL 1968, 74; OLG Celle r+s 1997, 160; Schleswig-Holsteinisches OLG vom 06.10.2009, Az: 3 U 98/08; AG Neuruppin vom 17.11.2006, Az: 42 C 324/05, ZEV 2007, 597 (zu: Entscheidungen zu der Übernahme einzelner Beerdigungskosten)
  • LG Leipzig, Urteil vom 01.12.2004 - 1 S 3851/04, BeckRS 2008, 26225, FamRZ 2005, 1124: dem Ehegatten steht auch dann noch das Totenfürsorgerecht zu, wenn die Ehegatten in Trennung lebten; eine analoge Anwendung des § 1933 BGB soll nicht möglich sein.
  • BGH NJW-RR 2019, 727: Das Totenfürsorgerecht ist ein sonstiges Recht iSv § 823 Abs. 1 BGB, das im Falle seiner Verletzung Ansprüche auf Schadensersatz sowie auf Beseitigung und Unterlassung von Beeinträchtigungen entsprechend § 1004 BGB begründen kann
  • Hinweisbeschluss des OLG Koblenz vom 03.09.2021 – 12 U 752/21, BeckRS 2021, 32619 (zu: Ersatzanspruch aus § 1968 BGB für die Beerdigungskosten und bei Vorwurf der Nachteilszufügungsabsicht auch Anspruch auf Schadensersatz in Höhe der Anwaltskosten gegen den Erben)
  • BGH, Urteil v. 26.05.2021 – IV ZR 174/20 (zu: Grabpflegekosten sind keine Nachlassverbindlichkeiten nach § 1968 BGB und eine etwaige Auflage des Erblassers zur Grabpflege führt nicht zu einer Kürzung des Pflichtteilsanspruchs)
  • OLG Koblenz, Beschluss v. 25.03.2021 – 12 U 1546/20; BeckRS 2021, 27110 (zu: Bestimmung des Totenfürsorgeberechtigten und individueller Festlegungen können durch den Erblasser erfolgen. Ohne bestimmte Festlegungen kann der Totenfürsorgeberechtigte selbst die Gestaltung und das Erscheinungsbild des Grabes festlegen)
5) Literaturstimmen
  • Damrau/Gottwald, Praxiskommentar Erbrecht, 2. Auflage 2011
  • Frieser, Fachanwaltskommentar Erbrecht, 4. Auflage 2013
  • Prütting/Wegen/Weinreich: BGB Kommentar, 9. Auflage 2014
  • jurisPK-BGB, 7. Auflage 2014-09-03
  • Bamberger/Roth/Lohmann, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch: BGB, 3. Auflage 2012
  • Staudinger/Marotzke, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch: Staudinger BGB – Buch 5: Erbrecht, 2011
  • Münchner Kommentar/Siegmann, Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch: BGB, Band 9: Erbrecht, 6. Auflage 2013
  • Enzensberger, Totenfürsorgerecht kann auf den Betreuer des Verstorbenen übertragen werden, ZErb 2013, 16
  • Damrau, ZEV 2004, 456 (Grabpflege als erstattungsfähige Beerdigungskosten)
6) Häufige Paragraphenketten

§§ 670, 677, 683, 684, 818 ff., 844, 1360a III, 1361 III, 1361 IV, 1566, 1615 II, 1615m, 1615n, 1933, 1967 II, 1975, 1990, 2022 II BGB

§ 16 Bestattungsgesetz des Landes Berlin, § 20 BestG des Landes Brandenburg, § 10 BestG der Hansestadt Hamburg, § 13 II und 14 II Friedhofs- und BestG des Landes Hessen, § 8 BestG des Landes Niedersachsen, § 8 I und 12 BestG des Landes Nordrhein-Westfalen, § 9 BestG des Landes Rheinland-Pfalz, § 10 II und 14 II BestG des Landes Sachsen-Anhalt, § 18 I BestG des Landes Thüringen

§ 2 III Reichs-Feuerbestattungsgesetz vom 15.05.1934

§ 324 I Nr. 2 InsO

Art. 33 Nr. 31 EGInsO

§ 5 I HPflG

7) Prozessuales

Prozessuale Relevanz hat die Norm bei Klagen auf Zahlung von verauslagten Beerdigungskosten gegenüber dem oder den Erben. § 1968 BGB bietet hierbei entweder selbst oder in Verbindung mit den Regelungen über die Geschäftsführung ohne Auftrag, §§ 683, 677 BGB eine Anspruchsgrundlage, s.Rn.8.

8) Anmerkungen

Die Beerdigungskosten treffen den oder die Erben. Schlagen sämtliche Erben jedoch die Erbschaft aus, so erbt gemäß § 1936 BGB das Bundesland, das die Erbschaft nicht ausschlagen kann, § 1942 Abs.2 BGB.

Eine Inanspruchnahme des Bundeslandes durch die Totenfürsorgeberechtigten auf Übernahme der Beerdigungskosten erscheint zwar nach dem Wortlaut des § 1968 BGB möglich, wird jedoch nach verbreiteter Ansicht abgelehnt.

Autor & Kanzlei
Rechtsanwalt Steffen Köster, Fachanwalt für Erbrecht in Stuttgart
Herr Rechtsanwalt Steffen Köster

Rechtsanwalt Steffen Köster ist seit 2005 zugelassener Rechtsanwalt und seitdem spezialisiert auf das Erbrecht und die Vorsorgeplanung. Für Privatpersonen bedeutet dies die komplette rechtliche Absicherung durch Testament, vorweggenommene Erbfolge, Immobilienübertragungen, Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Unternehmensmandanten erhalten maßgeschneiderte Unternehmervollmachten und Nachfolgeplanungen zur Aufrechterhaltung und Fortführung des laufenden Betriebs. Kommt es zum Streitfall, vertritt Rechtsanwalt Steffen Köster Erben, Erbengemeinschaften, Vermächtnisnehmer, Pflichtteilsberechtigte und Testamentsvollstrecker vor Gericht. Seit 2013 ist Herr Köster Fachanwalt für Erbrecht sowie Testamentsvollstrecker.

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