von Göler (Hrsg.) / Steffen Köster / § 2311

§ 2311 Wert des Nachlasses

(1) Der Berechnung des Pflichtteils wird der Bestand und der Wert des Nachlasses zur Zeit des Erbfalls zugrunde gelegt. Bei der Berechnung des Pflichtteils eines Abkömmlings und der Eltern des Erblassers bleibt der dem überlebenden Ehegatten gebührende Voraus außer Ansatz.

(2) Der Wert ist, soweit erforderlich, durch Schätzung zu ermitteln. Eine vom Erblasser getroffene Wertbestimmung ist nicht maßgebend.

Inhaltsverzeichnis
Expertenhinweise für Juristen
Inhaltsverzeichnis
1) Allgemeines

§ 2311 BGB befindet sich in Abschnitt 5 des 5. Buches des Bürgerlichen Gesetzbuches. Dieser Abschnitt befasst sich mit dem Pflichtteilsrecht, den Pflichtteilsberechtigten, dem Zusatzpflichtteil, den Auskunftsansprüchen eines Pflichtteilsberechtigten, dem Pflichtteilsergänzungsanspruch und den Möglichkeiten der Entziehung und Beschränkung des Pflichtteilsrechts. § 2311 BGB bildet die Kernnorm in diesem Bereich, da die Berechnung des Werts des Nachlasses Auswirkungen auf sämtliche dieser Normen hat.

2) Abgrenzungen, Kasuistik

Typischer Anwendungsfall der Norm ist die Wertbestimmung des Nachlasses im Rahmen einer Pflichtteilsklage, Klage auf Pflichtteilsergänzung oder auf den Zusatzpflichtteil.

3) Zusammenfassung der Rechtsprechung

BGH v. 16.09.1987, IVa ZR 97/86, NJW 1988, 136, 137; https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1987-09-16/IVa-ZR-97_86 (zu: Vermächtnisse und Auflagen sind keine Passiva iSd § 2311 BGB)

BVerfG NJW 1952, 1173, 1174; BVerfG vom 26.04.1988, 2 BvL 13/86, NJW 1988, 2723, 2724; BGH vom 13.03.91, IV ZR 52/90, NJW-RR 1991, 900, 901; BGH vom 14.10.92, IV ZR 211/91, NJW-RR 1993, 131; OLG Düsseldorf, ZEV 1995, 306; OLG Frankfurt, ZEV 2003, 364
(zu: Pflichtteilsberechtigter soll im Ergebnis am Nachlass beteiligt werden, als habe er den hälftigen gesetzlichen Erbteil geerbt)

BGH NJW 1954, 1764, 1765; BGH NJW 2010, 3232, 3237, BGH NJW 2011, 1004; OLG Düsseldorf BB 1988, 1001; OLG Düsseldorf ZEV 1994, 361; OLG Stuttgart NJW 1967, 2410, 2411
(zu: maßgeblicher Wert bei der Wertbestimmung ist der Verkehrs-/Verkaufswert)

BGH vom 23.05.2001, IV ZR 62/00, NJW 2001, 2713, 2714; http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&sid=cad99713c11a9d84ac3ee7477d919426&nr=20558&pos=0&anz=1

(zu: maßgeblicher Zeitpunkt zur Nachlassbewertung ist der Todeszeitpunkt des Erblassers)

BGH vom 14.07.1952, IV ZR 74/52, NJW 1952, 1173, 1174; BGH NJW 1965, 1589, 1590; https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1952-07-14/IV-ZR-74_52
(Wertveränderung nach dem Todeszeitpunkt bleiben unberücksichtigt)

BGHvom 17.03.1982, Iva ZR 27/81, NJW 1982, 2497, 2498; https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1982-03-17/IVa-ZR-27_81

BGH vom 30.09.1954, IV ZR 43/54, BGHZ 14, 376, https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1954-09-30/IV-ZR-43_54?q=BGH+vom+30.09.1954%2C+IV+ZR+43%2F54&sort=1
(zu: Veräußerungserlös als wesentliches Indiz zur Wertbestimmung)

BGH vom 25.11.2010, IV ZR 124/09, NJW 2011, 1004, 1005; http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&sid=9fec637e7aaf2db029a1667f0787a882&nr=54344&pos=1&anz=2
(zu: zeitnahe Veräußerung ist wesentliches Indiz für den Wert und vorrangig zu einem Sachverständigengutachten zu berücksichtigen)

OLG Düsseldorf vom 13.07.2006, 7 U 1801/05, FamRZ, 1995, 1236, 1237
(Kritik an der BGH-Rechtsprechung zur zeitnahen Veräußerung)

BGH vom 14.07.1952, IV ZR 74/52, BGHZ 7, 134 = NJW 1952, 1173 = DB 1952, 696; https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1952-07-14/IV-ZR-74_52?q=BGH+vom+14.07.1952%2C+IV+ZR+74%2F52&sort=1
(zu: Berechnung der Höhe eines Pflichtteilsanspruchs nach dem Umstellungsgesetz)

BGH vom 17.03.1982, Iva ZR 27/81; https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1982-03-17/IVa-ZR-27_81?q=BGH+vom+17.03.1982%2C+Iva+ZR+27%2F81&sort=1
(zu: Bewertung eines Unternehmens anhand des Veräußerungserlöses innerhalb eines Jahres)

BGH vom 13.03.1991, IV ZR 52/90, NJW-RR 1991, 900 = WM 1991, 1352; https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1991-03-13/IV-ZR-52_90?q=BGH+vom+13.03.1991%2C+IV+ZR+52%2F90&sort=1
(zu: Bewertung eines Grundstücks nach dem Verkaufserlös trotz Vorliegens eines „vorübergehenden Sondermarkts“)

BGH vom 25.03.1954, IV ZR 146/53, BGHZ 13, 45; BGH vom 31.05.1965, III ZR 214/63, NJW 1965, 1589; dagegen: BGH vom 04.06.1954, V ZR 10/54, BGHZ 13, 378, 392;

https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1954-03-25/IV-ZR-146_53?q=BGH+vom+25.03.1954%2C+IV+ZR+146%2F53&sort=1
(zu: Bewertung bei außergewöhnlichen Preisverhältnissen zu Lasten des Pflichtteilsberechtigten)

BGH vom 22.10.1986, Iva ZR 143/85, NJW 1987, 1260; https://www.jurion.de/Urteile/BGH/1986-10-22/IVa-ZR-143_85?q=BGH+vom+22.10.1986%2C+Iva+ZR+143%2F85&sort=1
(zu: Bewertung bei außergewöhnlichen Preisverhältnissen zu Gunsten des Pflichtteilsberechtigten)

BGH vom 26.04.1972, IV ZR 114/70, BGH NJW-RR 1986, 226, BGH vom 30.09.1981, Iva ZR 127/80, NJW 1982, 575; BGH vom 17.03.1982, Iva ZR 27/81, NJW 1982, 2497; BGH vom 14.10.1992, IV ZR 211/91, NJW-RR 1993, 131; OLG Düsseldorf ZEV 1994, 361
(zu: Rückgriff auf Sachverständige zur Bewertung von Nachlassgegenständen)

BGH, Urteil v. 29.09.2021 – IV ZR 328/20; BeckRS 2021, 30852 (zu: Beweislast beim Behaupten eines anderen Wertes als der Verkaufserlös)

BGH Urteil v. 26.05.2021 – IV ZR 174/20; BGH NJW 2021, 2117 (Grabpflegekosten führen bei der Berechnung des Pflichtteils nach § 2311 BGB nicht zu einer Verringerung desselben, wenn sie als Auflage angeordnet sind).

OLG Köln, Urteil v. 21.01.2021 – 24 U 48/20; RNotZ 2021, 414 (zu: der für die Pflichtteilsberechnung maßgebliche Wert ist nicht um eine latente Steuerschuld zu reduzieren, wenn der Ertragswert zugrunde gelegt wurde und nicht im engen Zusammenhang eine Veräußerung erfolgt ist)

4) Literaturstimmen

Prütting/Wegen/Weinreich/Deppenkemper: BGB Kommentar, 9. Auflage 2014

Damrau, Praxiskommentar Erbrecht, 2. Auflage 2011

Mayer/Süß/Tanck/Bittler/Wälzholz, Handbuch Pflichtteilsrecht, 2. Auflage 2010

5) Häufige Paragraphenketten

§§ 260, 1922, 1924, 1932, 2039, 2303, 2309, 2311, 2315, 2316, 2325, 2333, 2336 BGB

§§ 254, 260, 301 ZPO

§ 9 II Bewertungsgesetz (BewG)

§ 9 Verschollenheitsgesetz (VerschG)

§§ 13, 16, 18 Umstellungsgesetz (UmstG)

6) Prozessuales

§ 2311 BGB gewinnt prozessual im Rahmen einer Pflichtteilsklage Bedeutung. Diese wird in der Regel als Stufenklage gemäß § 254 ZPO eingereicht, wobei zunächst gemäß § 2314 I S. 1 BGB auf Auskunft, gegebenenfalls auf Wertermittlung hinsichtlich einzelner Nachlassgegenstände gemäß § 2314 I S. 2, 2. HS BGB, weiter gegebenenfalls auf Abgabe der eidesstattlichen Versicherung gemäß §§ 2314 I S. 2, 260 II BGB und schließlich auf Zahlung des nach Auskunft und Wertermittlung berechenbaren Pflichtteilsanspruchs geklagt wird.

Wurde vom Erben bereits ein Nachlassverzeichnis vorgelegt, läuft der Pflichtteilsberechtigte Gefahr, dass seine Klage abgewiesen wird, wenn er auf Auskunft klagt, da er das Verzeichnis für unrichtig oder unvollständig hält. Denn auch ein unvollständiges oder unrichtiges Nachlassverzeichnis kann den Auskunftsanspruch erfüllen.

In diesem Fall sollte auf Abgabe eines notariellen Nachlassverzeichnisses gemäß §

7) Anmerkungen

§ 2311 BGB ist eine entscheidende Norm im Pflichtteils- sowie im Pflichtteilsergänzungsrecht. Die Kenntnis der Rechtsprechung zur richtigen Bewertung der Nachlassgegenstände ist entscheidend für die Vorbereitung eines außergerichtlichen Einigungsversuchs sowie für einen zu erhebenden Pflichtteilsprozess.

8) Definitionen

Pflichtteil

Den Abkömmlingen, dem Ehegatten und den Eltern des Erblassers (unter Einschränkung des § 2309 BGB) steht gemäß § 2303 BGB ein Pflichtteilsrecht zu. Gemäß der Legaldefinition des § 2303 I S.2 BGB besteht der Pflichtteil in der Hälfte des gesetzlichen Erbteils.

Der gesetzliche Erbteil ergibt sich aus den §§ 1922 ff. BGB.    

Nachlassbestand

Zum Nachlassbestand zählen alle Aktiva und Passiva.

Unter Aktiva werden alle vererblichen Vermögensgegenstände und Surrogate gerechnet.

Unter abzugsfähigen Passiva verstehen sich alle Nachlassverbindlichkeiten, Lasten, Erblasserschulden und Erbfallschulden, die auch bei hypothetisch unterstellter gesetzlicher Erbfolge beim Pflichtteilsberechtigten als hypothetischem Erben zwingend angefallen wären.

Nicht zu den Passiva zählen daher alle Nachlassverbindlichkeiten, die der Erblasser im Testament selbst bestimmt hat, insbesondere Vermächtnisse, Bedingungen und Auflagen. BGH v. 16.09.1987, IVa ZR 97/86, NJW 1988, 136, 137 Weiter

Autor & Kanzlei
Rechtsanwalt Steffen Köster, Fachanwalt für Erbrecht in Stuttgart
Herr Rechtsanwalt Steffen Köster

Rechtsanwalt Steffen Köster ist seit 2005 zugelassener Rechtsanwalt und seitdem spezialisiert auf das Erbrecht und die Vorsorgeplanung. Für Privatpersonen bedeutet dies die komplette rechtliche Absicherung durch Testament, vorweggenommene Erbfolge, Immobilienübertragungen, Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Unternehmensmandanten erhalten maßgeschneiderte Unternehmervollmachten und Nachfolgeplanungen zur Aufrechterhaltung und Fortführung des laufenden Betriebs. Kommt es zum Streitfall, vertritt Rechtsanwalt Steffen Köster Erben, Erbengemeinschaften, Vermächtnisnehmer, Pflichtteilsberechtigte und Testamentsvollstrecker vor Gericht. Seit 2013 ist Herr Köster Fachanwalt für Erbrecht sowie Testamentsvollstrecker.

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